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Mach die Janelen zu, es chuvt

Mach die Janelen zu,  Foto: kwasibanane

Foto: kwasibanane

Von Alda Campos

Als meine Freundin während einer Urlaubsreise in Südbrasilien in einer Kneipe in der Kleinstadt Pomerode landete, staunte sie: Alle sprachen eine lustige Art Deutsch. Wenn sie nach dem Weg fragte, lautete die Antwort: »Sie fahren geradeaus und dann nach der Treva, pega links« (aus dem portugiesischen Substantiv Trevo – Kreisverkehr – und dem Verb pegar, nehmen).

Und wie in Pomerode wird auch in anderen Dörfern des brasilianischen Bundesstaats Santa Catarina in einem Dialekt gesprochen: eine Mischung aus Pommersch, ein bisschen Hochdeutsch und brasilianischem Portugiesisch. An deutschen Traditionen wird sehr festgehalten. Auch wenn wir uns fragen, ob Schäufele mit Sauerkraut als Weihnachtsessen im Sommer eine gute Idee ist oder ob die Mischung aus Hochhäusern und Fachwerkhäusern als Baustil eine gelungene urbane Komposition darstellt.

Ja, sie fühlen sich als Deutsche. Diese Gemeinde, die zum Teil schon Mitte des 19. Jahrhunderts in Brasilien ihre zweite Heimat gefunden hat, besteht darauf, so deutsch wie möglich – und vermutlich so wenig brasilianisch wie nötig – zu sein. Aus der heutigen Perspektive gesehen sind sie aber Menschen mit Migrationshintergrund, ehemalige Wirtschaftsflüchtlinge. Fühlen sie sich im Exil, die Deutschen aus Pomerode? Obwohl, von unfreiwilligem Bleiben kann dabei nicht die Rede sein … Haben sie sich allerdings integriert? Das ist schwer zu sagen: Im Radio wird Schlagermusik gespielt, aber abends schauen sie gerne brasilianische Novelas, unsere Seifenopern … Eine Sache scheint klar zu sein: diese MigrantInnen sind in all den Jahren hauptsächlich unter sich geblieben und eng mit ihrem Ursprungsland verbunden. Sicher hatten sie kein großes Interesse, sich in die gesamte, vielleicht aus ihrem Blick chaotische, brasilianische Gesellschaft einzugliedern.

Komisch. Ganz anders verhalten sich die Nachkommen der großen Gruppe von MigrantInnen aus Japan oder aus Italien: Sie bewahren auch ihre Traditionen, beschränken aber ihre Identität nicht so stark auf ihr Ursprungsland. Sie dominieren ganze Stadtteile der Megastadt São Paulo, beziehen dennoch Aspekte der brasilianischen Kultur ein und sorgen somit für Innovation und echte Transkulturalität.

Bestimmt ist dabei die Urbanität ausschlaggebend. So eine Monsterstadt wie Sao Paulo erzwingt Integration und erzeugt dadurch Strukturen voller Chaos, aber auch Vitalität. Deshalb definiert die Expertin Janice Perlman, vom Mega-Cities Project, nachhaltige Städte der Zukunft hauptsächlich durch zwei Faktoren: Formlosigkeit und Inklusion.

Auf dem Land läuft es anders: In ihren kleinen grünen und ordentlichen Dörfern sind viele Deutsche aus Santa Catarina immer noch näher an ihrer alten Kultur dran als an der der »neuen Heimat«. Wahrscheinlich sind sie inzwischen in beiden Kulturen fehlplatziert. Das Gefühl von Abgeschiedenheit ist stark, berichtet meine Freundin. »Es ist eine andere, sehr konservative Welt«.

es chuvt. Foto: kwasibanane

Foto: kwasibanane

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