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Die Pflegerin, der Arzt und die Krankenschwester

MigrantInnen in der Medizin – drei Beispiele aus Freiburg

Ein interkulturelles Team in der Praxis von Mall/Mancino: Thiwa Glöckner, Eda Seiti, Beata German, Filiz Sevil und Eunice Omondi. Foto: Susanti Dewi

Foto: Susanti Dewi

Die Gespräche führte Viktoria Balon

Die Pflegerin

Rimma Djachi kommt aus Moskau, arbeitete zehn Jahre lang als Pflegerin in verschiedenen Alterspflegeheimen und ist jetzt in der häuslichen, intensiven Pflege beschäftigt.

Wieso haben Sie diesen Beruf gewählt?

Eigentlich war ich Mathematikerin und Programmiererin von Beruf. Als ich hierher kam, hab' ich irgendeinen Job für ein paar Monate gesucht, wo ich mit Menschen reden kann, um schneller Deutsch zu lernen. So habe ich angefangen, in einem Altersheim zu arbeiten, und suchte parallel eine Stelle als Programmiererin. Ich habe auch etwas in anderen Städten gefunden, aber ich wollte nicht umziehen. Nach ein paar Monaten fand ich aber diesen Job gar nicht so schlimm, ich hatte mit einem Praktikum im Altersheim angefangen, und habe mich dann entschlossen, eine Ausbildung als Altenpflegerin zu machen. Dann kam mein drittes Kind zur Welt und der Arbeitsplatz im Pflegeheim der AWO in Weingarten war für mich sehr praktisch – er war gleich neben meinem Haus, meine Arbeitszeit konnte ich flexibel regeln.

Ich habe immer wieder Weiterbildungen gemacht und dabei immer mehr realisiert: Das ist mein Ding! In der Medizin zu arbeiten und nicht wie in meinem alten Beruf am Schreibtisch. Ich will Leute sehen, es macht mir Spaß, nützlich zu sein. Selbst wenn ich sie in schwierigen Situationen begleite, auch beim Sterben, das ist für mich nicht schrecklich, sondern es ist wichtig, und das kann nicht jeder! Und dazu kommt die Dankbarkeit von den Menschen, die nicht allein gelassen werden.

Jetzt sind meine vier Kinder groß, und ich habe mit etwas Neuem angefangen. Intensivpflege ist Einzel-Betreuung, gerade dieses Individuelle gefällt mir. Es ist schon anstrengend wegen der riesigen Verantwortung, aber im Altersheim kann man nicht so viel Zeit mit den Patienten verbringen, kann kaum mehr als ein paar Wörter austauschen. Und hier kann man die Hände halten, die Füße massieren, eine Beziehung aufbauen – also die therapeutische Arbeit machen.

Was für eine Rolle spielt in Ihrem Beruf die Migrationserfahrung?

Das spielt keine große Rolle. Man fragt schon: »Woher kommen Sie?«, aber das war es. Die KollegInnen haben schon ihre Vorurteile, eher positive: Dass Juden besser gebildet sind als andere Migranten oder dass sie mehr auf die Familie achten. Es sind positive, aber eben doch Vorurteile. Wenn man hört, ich bin Jüdin, wird man sofort vorsichtiger. Die Patienten haben genug andere Probleme. Aber bei dementen Patienten, die in anderen Zeiten leben, oft im Krieg, kann so was vorkommen wie: »Sie sind aus Russland, Sie haben meine Eltern erschossen! Gehen Sie weg!« Diese Omas sind nette, normale Omas, sie haben in ihrer Jugend oder Kindheit einen Schock erlebt. Da gehe ich raus und etwas später wieder rein ins Zimmer und versuche, Kontakt aufzubauen, wenn das nicht geht, übernimmt eine Kollegin. Natürlich habe ich auch meine Gefühle, aber ich kann mit sowas umgehen, sonst wäre dieser Job nichts für mich. Alte sind alt, und ich arbeite für sie.

Wie international sind das Team und die Patienten?

Im Altersheim in Weingarten war das Team sehr international, etwa ein Viertel sprach Russisch, es gab KollegInnen aus Italien, Rumänien und ich weiß nicht mehr woher. Es war immer von Vorteil, wenn man zweisprachig war, man konnte dann zum Beispiel einem rumänischen oder russischen Patienten besser helfen. Die Patienten waren dort etwa zu einem Zehntel Migranten, mehr und mehr waren russischsprachig. Es wundert mich, das passt eigentlich nicht zu unserer Mentalität. Es gibt beispielsweise so viele ältere Italiener in Freiburg, aber ich habe nur einmal eine Italienerin im Altersheim getroffen. In anderen Altenpflegeheimen habe ich fast keine Migranten gesehen, höchstens ein oder zwei im ganzen Heim.

 

Der Arzt

Innocenzo Mancino ist Zahnarzt, er kommt aus Italien und Deutschland und arbeitet in der Praxisgemeinschaft Dr. A. K. Mall, Dr. C. Mall und Mancino in Freiburg.

Wieso haben Sie diesen Beruf gewählt?

Als Kind hatte ich zwei Ideen: Ich wollte entweder Pfarrer oder Zahnarzt werden. Diese letzte Idee entstand dadurch, dass ich mich nach einem besonders schmerzhaften Zahnarztbesuch rächen wollte. Und die erste entstand dadurch, dass ich sehr christlich erzogen wurde. Ich wurde in Deutschland geboren, aber da meine Eltern, wie alle italienischen Gastarbeiter, möglichst bald zurück wollten, haben sie mich sofort vorgeschickt in die italienische Heimat. Ich wuchs bei meinen Großeltern in einem Dorf in Lukanien auf. Der Pfarrer ist dort eine sehr wichtige Respektsperson. Mit sechs Jahren holte man mich endgültig nach Deutschland. Wahrscheinlich habe ich mich deshalb schließlich doch für den Zahnarztberuf entschieden. Die ganze Großfamilie ist aber in Italien, ich habe dort alle meine Ferien verbracht, und fahre auch jetzt noch fast jeden Urlaub hin.

Was für eine Rolle spielt in Ihrem Beruf die Migrationserfahrung?

Für mich war die Migrationserfahrung nur eine positive Erfahrung, ich hatte nie Schwierigkeiten, weder dort noch hier. So wie ich aussehe, könnte ich von überall her kommen. Aufgrund meines Namens gibt es zwar schon Erklärungsbedarf, Italiener sind aber, ob von der Geschichte her, vom Essen oder von der Geselligkeit, in Deutschland gut akzeptiert. Praktisch für die Arbeit sind natürlich die Sprachen. Ich kann mich nicht nur mit italienischen Patienten mit begrenzten Sprachkenntnissen über ihre Beschwerden und Wünsche verständigen, sondern auch mit Spanisch- und Französischsprechenden. Ich spreche Deutsch akzent- und dialektfrei, aber kann auch Schwäbisch. Älteren Angstpatienten kommt man mit dem Dialekt näher, man hat dann weniger Distanz und dadurch gibt es auch weniger Angst. Natürlich gilt das auch für die Muttersprachler. Ich habe, wie viele Südländer, weniger Berührungsängste, und wenn ein Patient es zur Beruhigung braucht, kann ich ihm auch mal die Hand auflegen.

Man leidet unterschiedlich in unterschiedlichen Ländern. Gerade die südeuropäische Patienten sind, – ich sage nicht Drama Queens – aber sie empfinden Krankheit oft schwerer. Und die Anteilnahme der Familien ist oft größer, der Patient bringt Begleitung mit. Man will Antibiotika, auch wenn man es nicht benötigt, weil sie in Italien öfter verwendet werden. Unpünktlichkeit: Naja, die haben in letzter Zeit auch die deutschen Patienten für sich gepachtet.

Allgemein hat man für alles mehr Toleranz und Verständnis, wenn man selber ähnliche Erfahrungen hat, also auch für Religiosität, für Aberglauben, für andere Rituale und Bräuche. Wenn zum Beispiel während des Ramadan jemand bestimmte Behandlungen nicht machen kann, weil dabei Wasser zufällig geschluckt werden könnte ­... Oder wenn jemand kurz vor einer Familienfeier steht, wo viel mehr gekocht wird als bei den Deutschen. Da müssen bestimmte Eingriffe, bei denen Frau nicht kochen und probieren oder sich anstrengen kann, anders geplant werden, wenn es nicht wirklich sein muss. Die Frage ist aber, ob solche Toleranz unbedingt von der Migrationserfahrung her kommt, oder einfach nur von einer humanitären Haltung.

Wie international sind das Team und Patienten?

Unsere Praxis ist sehr international, auch meine zwei Kollegen haben ihre Großeltern in Skandinavien und Italien, und die ganzen Helferinnen und Auszubildenden kommen aus der ganzen Welt: von Thailand bis zu Afrika. Auch ihre Sprachkenntnisse sind sehr hilfreich, weil ja auch die Patienten nicht nur Deutsche sind. Es kommen Menschen aus allen Ländern, oft sind sie erst frisch hergekommen. Es gibt übrigens immer mehr ausländische Zahnärzte – vor allem aus Griechenland – wegen der Krise. Eigentlich bevorzugen sie wegen der besseren Berufsmöglichkeiten und des Gehalts in der Schweiz zu arbeiten, so wie es auch viele deutsche Zahnärzte tun.

 

Die Krankenschwester

Bahrija Yilmaz arbeitet in der Frauenklinik am Universitätsklinikum.

Wieso haben Sie diesen Beruf gewählt?

Ich wusste schon in der Schule, dass ich in der Medizin arbeiten werde. In der siebten Klasse haben wir Anatomie gehabt, und ich war sehr neugierig, interessierte mich für die Organe und was passiert, wenn man krank ist. Und zweitens war mein Ziel, Menschen zu helfen. Meine Qualifikation als Krankenschwester habe ich in der Medizinischen Akademie (einem Berufsgymnasium) in Tuzla in Bosnien-Herzegowina erworben. Mit 22 bin ich hierher gekommen, es war im Januar 1991, damals konnte ich mich von Sarajevo aus für einen Job in Deutschland bewerben. Es war nicht einfach am Anfang: Ich sprach kein Deutsch, nach drei Monaten Intensivsprachkurs musste ich mit der Arbeit anfangen. Als ich in der Station war, fehlte mir die Sprache, vor allem medizinische Begriffe. Aber in einem halben Jahr habe ich es hingekriegt. Wenn man jung ist, klappt alles, jetzt wäre sowas für mich wohl nicht mehr möglich. Meine Ausbildung wurde auf Antrag meiner Klinik vom Regierungspräsidium anerkannt.

Wie damals kommen jetzt wieder viele medizinische Fachkräfte aus Osteuropa. Jetzt es ist wieder der Trend, auf einem anderen Weg, nämlich direkt über die Arbeitsagenturen.

Was für eine Rolle spielt in Ihrem Beruf die Migrationserfahrung?

Wenn man jung ist, will man was anderes sehen, andere Erfahrungen sammeln ... Wenn man offen ist, lernt man hier nicht nur die deutsche, sondern auch andere Kulturen kennen. Und bei uns gab es keine Arbeit.

Später merkt man dann, wie weit die Familie weg ist, ich vermisse sie so! Aber beruflich war die Arbeit hier in der Klinik sehr gut, ich habe hier alles Praktische gelernt. Mir gefällt das medizinische System hier, und nicht das, was in Bosnien in den Kliniken passiert: Hierarchie, schlechte Pflege, Schmiergeld.

Ich hatte keine negativen Erfahrungen mit PatientInnen. Vielleicht habe ich ein paar Mal beim ersten Kontakt Misstrauen gespürt: Taugt die was? Aber in unserem Beruf merkt man schnell, ob man was kann. Und ich kann es gut wegstecken, ich hab genug Selbstbewusstsein.

Beruflich von Vorteil sind meine Sprachkenntnisse. Nicht nur Bosnisch, ich habe Türkisch und Arabisch hier in Deutschland gelernt, als Hobby. Und ich kann es bei der Arbeit einsetzen. Manchmal übersetze ich auch in anderen Stationen, aber es kommt nicht oft vor, wir haben hier genug eigene Arbeit.

Wie international sind das Team und Patienten?

Bei meiner vorherigen Arbeit vor drei Jahren, auf einer kleineren Station, waren die Hälfte meiner Kollegen Migranten: Hauptsächlich aus Europa, auch einige aus Kasachstan. Auf dieser Station sind wir nicht so viele, und auch die Patienten sind hier überwiegend deutsch. Es ist gut, dass der Anteil von Deutschen und Migranten bei unserer Arbeit ausgewogen ist. Türkinnen könnten es mehr sein, wahrscheinlich liegt es an der Ausbildung, ich weiß nicht wieso, aber türkische Pflegerinnen fehlen.

Unsere Zähne in ihren Händen. Foto: Susanti Dewi

Foto: Susanti Dewi

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